Book-Review
Kalifornia

Review | written by Hazard | 20.04.2010

Autor: Marc Laidlaw

"Der Wald glitschiger Mißbildungen erhob sich wie etwas das vom Boden des Meeres ausgekotz..." *sender-einstell* "Die ehrwürdige Schwester erkannte einen Peni..." Huch, pardon... da ist mir doch glatt ein Teil der bewusst wirren Einleitung des Buches rausgerutscht. Eure bärtige Majestät ist und war damals schon etwas entsetzt! Aber lasst euch nicht von dem mir gezielt ausgesuchten, vulgären "Feedback" der "Drähte" abstossen, schliesslich will die Mehrheit der Bevölkerung ja genau damit unterhalten werden. Wer allerdings diese "Wellen" bündelt und auswertet sollte einem ein wenig mehr Angst machen.

Das gute, alte Kalifornien ist ja aber wirklich sowas von verrucht und "verdrahtet"! Der gemeine Bürger ("Empfänger") und im Gegensatz sein geliebter, glamouröser Star (natürlich "Sender") bekommt oftmals schon vor der Geburt einen netten Satz "Polynerven" in seinen Körper gesetzt damit ihm sein Publikum über die Patschehändchen bis hin zu seinen ersten genussvollen Pickelausdrücken und danach miterleben kann. Endlich kann man sich regelrecht in seinem Lieblingsdarsteller einnisten, seine Gefühle mitsamt seinem viel lebenswerterem Leben hemmungslos reinziehen. Jediglich während der muffigen Arbeitszeit kann man sich nicht dem Trip durch die unzähligen Sender einklinken. Das Signal jedes "Empfängers" wird noch von den Herrschenden blockiert. Ein ernstes Problem, das "drahtsüchtige" Demonstranten aus lauter Protest schon in den Selbstmord treibt. Doch auch das sollte sich bald ändern... Jedenfalls inszenieren Fernseh- und Filmspezialisten vorwiegend eine schrulligere Familiensendung nach der anderen, dabei werden auch gerne die mehr oder weniger putzigen, gentechnisch nahezu perfekt gekreuzten Tiermenschen, hier seien im Speziellen die Hundwesen alias "Tegen" genannt, die man gerne für Rollen der "animalischen" Bösewichte einstellt. Mensch, wie einfallsreich Hollywood! Aber einige von uns wissen ja selbst wie scharf so ein altes, geldstinkendes Weibchen ist, wenn es mit seinem Hündchen den Boulevard runterdackeln kann, und danach mit ihm nun sogar... ihr wisst schon. Grundlegend bieten die Drähte genau den unglaublichen Schrott den wir uns von meinungs- und musikbildenden Sendern wie "RTL" und "MTV" gefallen lassen, nur eben jederzeit live und unzensiert. Die nächte Stufe?

Die größten Stars dieser "drahtgeschwängerten" Ära waren allerdings auch schon ihre letzten, denn die Familie Figuora und deren Mitglieder haben sich fast alle weniger freundschaftlich von Ihrer Karriere und der berühmten Familiensendung abgespalten. Sie hatten mit ihrem bewährten Konzept "Die Figuoras" das sich rund um familiären Intrigen, Affären und "unser täglich' Krach" als schreckliche und nette Familie so in ihre Rollen vertieft, das sie immer noch nicht aus ihrer lästigen Übung kommt sich weiter selbst vergiftet. Siehe... sowas schändliches wie die "Osbournes" samt viel zu satter, gefakter Familienallüren. Na vielen Dank MTV, du alte Scheisse... aber das ist eigentlich (k)ein anderes Thema!

Lediglich Poppy Figuora bietet mit Ihrem bald neugeborenen Baby noch eine Show direkt aus ihrem Mutterleib inkl. packender Folgesendung "Poppys Flucht". Alles penibel überwacht, mit echten Gefühlen und wenn auch in einem anfangs etwas übertrieben dreckig inszenierten Hotelzimmer, in dem sie die Geburt ihrer Tochter austragen möchte oder muss. Doch genau an diesem Abend wo ihre kleine "Calafia" geboren wird, endet fast schon der letzte "Draht" zur Familie. Denn Larry Starko, ihr vermeindlicher Liebhaber und Produzent verliert bei seiner bzw. ihrer etwas zu gut oder zu schlecht inszenierten Verfolgungsjagd auf der Feuerleiter die Inszenierung aus den Augen und das Baby verschwindet auf einem falschen fahrenden Untersatz, als Poppy es für den ersten Baby-Stunt fallen lässt. Natürlich versucht man die kleine Calafia wieder in seinen "verdrahteten" Laufstall zu bekommen. Aber man bemerkt bald selbst, das dies e neue Kinderstube von einem fürchterlichen Babysitter gemanagt wird. Jedenfalls bietet sich auch der ungeliebte, drogenabhängige Looser pardon Freigeist der Familie Sandy an das Baby zu retten, was nicht dringend mit Wohlwollen aufgenommen wird. Es gab da ein paar Peinlichkeiten, als er noch Sender war. Aber was ihm bei seiner dunklen Wanderung durch das finstere Tal, verrückter Sekten und Fanatiker erwartet, lässt so manch einen (die mit Kapuze beckten) Augen und (wachen, vielleicht auch tierischen) Ohren aufhorchen. Denn bei all dem Irrsinn und der Primitivität, die sich in den verlassenen, religiösen Hintergassen abspielt, wartet nicht nur die dunkle Göttin Kali auf das kleine, zarte Wesen mit den orangefarbenen Augen.

Schon nach dem "Windelwechseln" (Vorwort / Feedback) gibt Laidlaw seinem "Baby" so einen unverschämten Klaps auf die Methapherkiste, das mich seine verdrahtete Welt erstmal blendet und überrumpelt hat. Entwirrt, eher entdrahtet und begeistert hab ich mich langsam und sicher in dem unkonventionellen Weiten der Drähte zurechtgefunden und seine orginelle Struktur wiedermals lieben gelernt. Besonders schön und ausgefallen sind die fast schon besessenen bis melancholischen Momente in der die Spurensuche der Geschwister Sandy und Poppy auf jeweils unterschiedlichen Fährten wie ein kleiner, sandigen Trip durch "Fear & Loathing in Las Vegas" auf einen einwirken. Atmosphärisch mehr als nur dicht, atemraubend bis hin zum Ersticken, könnte man formulieren. Er verpackt alles in ein unglaublich, abwechslungsreiches Mobile aus kompletter Verdrahtung der Menschheit, näher Kaliforniens und einem apokalyptisch angehauchten Niemandsland, das von finsteren Gestalten bewohnt wird, von dem man dann ungehemmt hin und her gezappt wird.

Man spürt, wie auch bei Laidlaws Erstlingswerk "Papis Bombe" das der Wurzel des Übels nicht nur ausserhalb des wildwüchsigen, exotisch-unzivilisierten Zentrums des Weltgeschehens mit all seinen religiösen Wahnsinnigen oder verrückten Einsiedlern steckt, sondern auch das der zivilisierte, sattgefressene Kern selbst das faulste aller Eier ist, und lediglich im hohen Maße Anstand, Moral und Rechtbewusstsein heuchelt. Immer in die Extremitäten, Milady! Denn beide Seiten stehen immer unter einer gewissen Kontrolle und Interessen die wiederum mit den geeigneten, volksverblödenden Mitteln selbst das Steuerrad übernehmen können. Der Meister hinter den Drähten, weiss wie man seine eigene, diktierte Welt geschickt hinter Spezialeffekten und Manipulation verschwinden lässt. Aber natürlich nicht um sie dadurch schöner und gefügiger zu machen, nein gerade in "Kalifornia" sieht man die schönsten Hintergrundtapeten zerbröseln, die Darsteller neigen zu verbitterter Exzentrik und wenn die letzten Barrieren der Kontrolle und Individualität endlich fallen, bleibt dieser nackte (aber sich bald legende) Schrecken zurück, das diese miesen, neuen Medien schon die Überhand gewinnen. Man könnte meinen die ganze TV-verseuchte Menschheit versucht sich mitsamt seinen Gefühle, Ängste und Träume in anderen Menschen auszutoben, wie parasitär! Die Schlußpointe mit dem loyalen gentechnisch-aufgeputschten Seehund-"Hybrüden" Cornelius bringt es grandioserweise auf den Nenner.

Wenn sich Kind und Mutter zum ersten Mal direkt nach der Geburt ansehen und die schmerzhafte Rückkopplung (da beide ja "Sender" sind) in Ihren Körpern beginnt, merkt man schnell das bald nicht nur im Staate Kalifonien die Lichter ausgehen, sondern mit dem moralischen Verfall noch viel größere Mächte auf dem Vormarsch sind. Laidlaw fragt in seiner Satiere natürlich nicht: Wie weit darf man gehen, sondern wie weit kann man gehen... und garniert das ganze noch mit seinen schaurig ausgefallenen Einfällen. "Kalifornia" ist ein bunter Papagei, gezüchtet aus Fieberträumen eines Terry Gilliam ("Brazil") und den sonnengereiften, verdorbenen Genen eines David "Twin Peaks" Lynch. Die Atmosphäre ist kaum anderst einzuordnen. So schnorrend und leichtsinnig wie Hauptdarsteller Sandy, um seinen täglich Keks zu erhalten, zappt er von einer fantasievollen Umgebung zur nächsten Schundkulisse, von einer Extreme in die nächste, umringt von schaurigen Sektierern, irren, vernetzten Seherinnen und einer Mutter, die Ihr Kind in einem tiefen, wellenschlagenden Abschaum von Hollywoods Mediengeilheit und neu dazugewonnener, fataler Religiösität zu finden versucht. Wer denkt, das es einfallsreicher kaum geht, wird bei dieser persönlichen, abartigen "Truman Show" vom "Draht"seil gefegt. Denn der Cronenberg der science-fictionhaltigen Medienkritik am lebendigen Menschen laicht an den ungewöhnlichsten Stellen. Ein echtes Original... das viel zu wenige kennen.

Book-Review
Papis Bombe

Review | written by Hazard | 10.04.2010

Autor: Marc Laidlaw

"Half-Life"-Schreiber und Science-Fiction-Author Marc Laidlaw stellt mit "Papis Bombe" ein schrilles und köstlich sarkastisches "Abwehrsystem" gegen den amerikanischen Traum auf. Diese bitterböse "Materie" steckt ihre Nase peinlich weit in ein nahezu komplett überwachtes Familienleben a la "Big Brother" - hier angenehmerwerise "Familienfernsehen" genannt (Jede Familie geniesst abends alle unzensierten Highlights der anderen Familien inkl. aller peinlicher Details), bugverseuchtem Urlaub mit der Familie in etwas ähnlichem wie dem unsbekannten "Cyberspace" (Relaxen ohne lästige Wartezeiten per Autostau, psychedrückender Umweltverschmutzung inkl. Instandhaltung real längst zerstörter Sehenswürdigkeiten usw.) und gentechnisch optimal konfigurierten, ausgeglichenen Familienmitgliedern (Homosexuelle, pflegebedürftige Mongoloide bis hin zum neusten, knurrenden Zuwachs der sich etwas nunja "strahlender" ernährt, aber wie alle anderen seine/ihre persönliche Aufgabe in der Familie perfekt besetzt).

Das eine hier nicht näher genannte "Sekte" ausserhalb der friedlichen Vorstadtidylle ihr Unwesen treibt, deren spezielle Nahrung einem sogar Boulemie schmackhaft macht, bekommt niemand innerhalb dieses amerikanischen Traums mit. Ihr werded röcheln, denn diese Spezialität ist wirklich was besonders! Aber was will man denn mehr in diesem schönen, neuen und kleinen Teil Amerika als eine hermetisch wundervoll von der Aussenwelt abgesicherte Vorstadtsiedlung, deren Bewohner sich frei (per diverser versteckter Sicherheits- und Waffensysteme) aufrüsten können! Genaugenommen weiss zwar selbst unsere Vorzeigefamilie Johnson, die sich gerade einen kleinen Garagenatomreaktor gegönnt hat (um angeblich unabhänig von bisherigen Energieversorgung zu sein) vor wem sie sich wirklich schützen soll. Aber das ist für einen patriarchischen Familienvater, der seine Familie zusammenhalten will, sowas von zweitrangig. Er will einfach, wie jeder Amerikaner: Frei, erfolgreich und unantastbar vor jeglichem inneren und äusserem Terror sein und absolute Vorbildfunktion inne haben... und das bitte noch bevor seine nächste "Akzelerationsbehandlung" ihn zu einem fiesen "Opa" macht (Jaja, unwirtschaftliche Lebensabschnitte werden einfach übersprungen und Platz für neue Konsumenten gemacht). Wäre jetzt nur nicht die Konkurrenz - die Familie Smith - mit ihrem frisch aufgestellten Raketenwerfer im Vorgarten, der "Papi Smiths" Messlatte nicht nur im Lendenbereich schrumpeln lässt sondern auch seine Funktion als "Dorfobermacker" in Frage stellt, dann wäre seine Familie... ja perfekt. Wir reden hier von einem Johnson, einen der Vorreiter der... nunja, eine... ja was genau eigentlich? Denn gerade als sich die vom allseits beliebten Doktor Edison eingeleiteten "Pubertierenden" der Familie mit unangenehmen Identitätsfragen beschäftigen oder durch Mami und Papi damit konfrontiert werden, weicht der vorgegebene Lauf des Systems pardon der Familie eine verbotene Seitenstraße ein, und die dünne Familienfassade fängt zu bröckeln an.

Das von deutscher Seite, irgendwie daneben-designte Cover sollte einem nicht die Stimmung verderben (Ist es eine Rakete? Oder ein Fernglas mit Schläuchen?). Denn das nun schon 25 Jahre alte Buch überrascht mit derart zeitlosen, nein zeitnahen menschlich-und technischen Eigenheiten samt schrägen Köstlichkeiten, die keineswegs mehr sooo utopisch oder eben extrem skurril wirken. Haha, doch schon! Aber der Wahnsinn dieser Welt hat uns ja teilweise schon längst eingeholt! Regierung, Religion und Volksverblödung lassen hier übrigens herzlich grüssen. Der beste Vergleich zum Buch, der mir gerade allerdings nur im Bereich der Musikvideos einfällt (aber alles irgendwie top zusammenfässt), wäre "Pearl Jam's - Do the Evolution". Eine schmuddelig gute, intelligente "Pulp-Science-Fiction" mit der Extraportion realem Irrsinn und zauberhaft, schrecklichen Momenten die prägen.

Book-Review
Unternehmen Schwerkraft

Review | written by Uncle Pecker | 20.03.2010

Autor: Hal Clement

Science Fiction ist nicht gleich Science Fiction. Ähnlich wie bei Pornos unterscheidet man zwischen Soft und Hard. Zum Soft Science Fiction zählt größtenteils intellektuell leicht Verdauliches wie Star Wars, Star Trek, alle weiteren Sachen mit "Star" im Titel, E.T., Total Recall, Robocop, Krieg der Welten, Invasion vom Mars und wie das ganze Hirnloszeugs für die entsprechend hirnlose Masse alles heißt. Dann gibt es da noch den harten Weg für Quantenphysiker, Mathematikprofessoren, Einstein, C++ Nerds, alle sonstigen Gruppen mit einem Frauenanteil von etwa 0,5% und Leute, die gerne dazu zählen würden. Hier wird nicht versucht die alte Gut-fickt-Böse Sause ins Raumschiff zu verlegen, sondern die derzeit für voll genommenen naturwissenschaftlichen Gesetze auf meist eher unspektakuläre, weil eben möglichst realistisch gehaltene, Fiktion anzuwenden. Unternehmen Schwerkraft zählt zu diesem Genre und steht zu seinem Titel.

Auf dem in seiner Form stark abgeflachten (und erfundenen) Planenten Mesklin herrschen extrem unterschiedliche Gravitationen. Während am Äquator bei seiner 3-fachen Erdanziehungskraft auch Menschen leben könnten, würden sie an den Polen zu schmackhaften, fleischigen Omelettes platt gedrückt, da dort knapp 700G wüten. Da jedoch einer menschlichen Weltraumexpedition eine Sonde mit wertvollen Messdaten an einer Stelle zu weit vom Äquator entfernt abhanden gekommen ist heuern die Astronauten primitive aber intelligente einheimische Wesen an, um das teure Stück für sie zu bergen. Wie die Eingeborenen an ihre Welt angepasst sind und den Unterschied zwischen den verschieden Gravitationszonen erleben ist einer der Hauptaspekte des Buchs. Beispielweise sehen sie entfernt aus wie Hunderfüßer, da sie flach und massiv sein müssen und bekommen schon bei wenigen Zentimetern über dem Boden den Höhenkoller, weil bei einer vielfachen Erdbeschleunigung schon der kürzeste Fall tödlich sein kann. Um 0815-Menschen weiter vom Lesen abzuschrecken wird die Geschichte ausschließlich aus Sicht des Anführers der Eingeborenen erzählt, da nur Nerds sich mit einer 30 cm langen Assel (bei Youtube nach "Centipede" suchen) identifizieren können und wollen.

Na gut, Schluss mit den Übertreibungen. Man muss keinen Hochschulabschluss haben, um Unternehmen Schwerkraft zu verstehen oder interessant zu finden. Die Geschichte mag äußerlich seltsam wirken, ist aber auch nicht durch und durch unkonventionell, da trotz des wissenschaftlichen Anspruchs auch eine spannende Abenteuergeschichte, wenn auch aus Hundertfüßer-Perspektive, erzählt wird. Einziger Kritikpunkt könnte sein, dass aufgrund des Alters manche Technologien der Menschen ... naja ... Digicams gabs 1953 halt noch nicht aber daran stören sich eh nur Char-Char-Binks-Fans.

Review written by
Hazard

Book-Review
Metro 2033
Review | written by Hazard | 19.02.2009

Autor: Dimitry Glukhovsky

"Es zog sie zum Feuer, zu den Menschen..." liest man und versucht sich nach den ersten Seiten von "Metro 2033" schon an ein Lagerfeuer zu kuscheln, um die Geschichten der liebenswert kantigen Figuren zu belauschen oder zumindest ein Gefühl dafür zu bekommen wie es sich viele, viele Meter unter der Erde in einem (fast) leblosen Tunnel aushält. Aber hey, hier stimmt doch was nicht... warum sitzen "wir" denn in einem dreckigen, rattenverseuchten Tunnel und halten Wache, trinken Pilztee und zucken schon beim kleinsten Geräusch zusammen? Wie tief und wie lange schon ist der herrliche "Schatz", unsere helle Zivilisation denn schon versunken?

Tja... wir schreiben das Jahr 2033 und von der großen Hauptstadt Moskau ist oberflächlich nur noch ein großes, graues Gerippe, besiedelt von unheimlichen Mutationen von Flora und Fauna und einigen wenigen Stalkern (die das Leben zurück in die Metro bringen) geblieben. Wie es um den Rest der Welt geschehen ist, will man hier garnicht erst mutmaßen und erfährt dies auch nicht weiter. Schliesslich hat man hier unten im "tiefsten" Rußland seine eigenen Probleme - der weitsichtigere Mensch kümmert sich lieber um sich selbst. Schönere und oftmals auch erträgliche Geschichten vor dieser Zeit bekommt man hier nur noch von den alten, grauen Füchsen zu hören die sich mit den Resten der einstigen "menschlichen" Bequemlichkeit (u.a. mit Heizöl oder Kohle) an ihrem Lagerfeuer zufrieden geben müssen. Denn genau dort, unterhalb dieser gefährlicheren Ödnis beginnt das Reich oder besser gesagt die geheimnisvollen und teilweise unerforschten Innereien der Metro. Jenem großen Atomschutzbunker bzw. riesigen Ex-Verkehrsunternehmen das nun in viele kleine, eigenständige Stationen mit unterschiedlichen Regiemen, Ideologien und Führern samt ihrer Armeen zerfallen ist und nun abertausenden von Menschen Zuflucht vor den oberirdischen Gefahren bietet... äh zumindest eingeschränkt bietet.

Wie bei der Menschheit ja ziemlich gut vorhersehbar hat der Atomkrieg und die Milliarden von Toten nicht gereicht um uns Menschen bis in alle Ewigkeit in Freundschaft zu binden. Auch hier unten wurden und werden große Kriege geführt, Seuchen sind ausgebrochen und der Wohlstand (und damit auch das restliche Kulturgut in Büchern, Schulen oder einfach nur die Sicherheit die ein gut ausgerüstetes Spezialkommando mit sich bringt) verbreitet sich auch nur in besonders geförderten Gebieten. Es hat sich also nicht allzuviel geändert da unten - bei den Menschen nun unter der Erde. Wir kleinen, braunen "Erdmännchen" sind weder wesentlich gescheiter noch irgendwie liebenswerter geworden. Nur die Dunkelheit im Mensch selbst und um ihn herum macht ihn verrückter, abergläubischer, unzugänglicher und sogar gefährlicher als je zuvor. Zwar bringen eben jene Stalker (furchtlose, gutbezahlte "Berufshelden" - oft einfach nur hartgesottene Söldner) wieder Treibstoff, Munition und das gute alte Feuer zurück in die Stationen, aber in den Aussenbezirken rund um der großen, vergleichsweise wohlständigen Polis (die zur Gemeinschaft der Hanse gehört und das Herz der gesamten Metro ist - laut Zitat "Wo der Mensch noch Mensch ist") zählt oftmals nur noch der rohe unerbittliche Selbsterhaltungstrieb. Die intelligenteren Stationen versuchen sich an Bündnissen um die Gefahr von oben oder unten (hier fast gleichwertig lebensgefährlich) in den eigenen Reihen abzuwehren, während die kriminelleren und triebgelenkteren "Tiere" unsererselbst sich gnadenlosen Faschisten, radikalen Roten oder diversen Sekten anschliessen und mit ihrem oft eingeschränkten oder nennen wir es überheblicherem Gedankengut die Grundsätze des Lebens besser als andere verstehen zu meinen. Hier gibt es tatsächlich auch wieder alles was dem Mensch zu seinem Untergang verholfen hat: Von Aufputschmitteln bis Waffen ist alles verfügbar... und an Wahnsinnigen, Abergläubischen oder radikal Gläubischen fehlt es der Metro sowieso ganz und garnicht. Um diesen Zynismus noch stärker zu unterstreichen zählt hier als einzig anerkannte Währung nur noch scharfe Munition - also Patronen im Tausch gegen jene glücklichen Individuen die vor deren tödlicher Wirkung erstmal verschont bleiben. Gerade bei der sogenannten "roten Linie" oder den Faschisten da unten lässt man ja gerne die Waffen sprechen...

Genau hier lebt der Junge Artjom, der zwar noch recht frisch hinter den Ohren ist, aber eines Tages (oder Nacht, schliesslich hat die Sonne, so wie wir sie kennen dort unten fast keine Bedeutung mehr) von einem Stalker namens "Hunter" (hier übrigens einer der wenigen mit westlichem Namensgut - nun kann ich mir aber auch schon die russischen Namen merken ;) den Auftrag bekommt bestimmte Informationen in die große, "echte" Stadt, der Polis zu bringen. Seine Station "WDNCh" gleicht hiergegen eher einer winzigen Provinz dessen Bewohner noch nie den Himmel gesehen haben, und erfreuen sich deshalb auch an jedem geklauten Buch oder noch so einfachem Gegenstand der vor dem "Atomholocaust" sicher in der Mülltonne gelandet wäre. "Wie ist es, wenn über dem Kopf nichts ist" fragen sich die meistem im geheimen, oft nur noch damit beschäftigt ihr Leben um ein paar Tage, Wochen oder Jahre zu verlängern. Ständig mit der Angst konfrontiert das etwas oder jemand aus der Dunkelheit des Tunnels oder von der Oberfläche sie angreift und aus diesem kleinen, bitter erkämpften Leben scheiden lässt. Und Artjom? Dieser unauffällige Typ ohne besondere Lebenserfahrung? Aus welchem Grund wird er überhaupt für diese verhältnismässig sehr wichtige Mission ausgesucht? Mal ehrlich, seine Erfahrung (geistig wie körperlich) bekam er doch nur durch Sach- und Geschichtsbücher eingeflösst. Selbst hat er nur wenige Male seine kleine "Provinz" verlassen um Nachbarstationen zu besuchen. Nana... nicht das er es nicht wollte, aber sein Onkel "Sascha" (der ihn damals vor einem gewaltigen Schwarm Ratten gerettet hat) lässt seinen nicht-leiblichen "Sohn" nicht so einfach aus seiner Nähe. So hat er bislang immer nur in relativer Sicherheit den schaurigen Geschichten seiner Freunde und Wachdiensthabenden über die vielen Stationen vor dem Lagerfeuer lauschen dürfen. Doch nun ist es soweit... es geht eine neue Gefahr aus. Die "Schwarzen", wie sie sie nennen, greifen nun vermehrt ihre Station an und treiben schon mit ihrem schieren Aussehen die Bewohner der Station zum Wahnsinn. Unheimliche, pupillenlose Wesen... eben jene seltsame Mutationen die Artjoms Albträume seit dem ersten Antreffen als Wachdienstleistender beherrschen und in jedem dunklen Schacht auf ihn lauern. Eine Odysee beginnt...

So... *Kerze-anmach*... doch diese Abenteuer hier nun auch nur ansatzweise aufzuführen wäre unwürdig und verheerend für den Nährwert dieses Buches, man muss es einfach selbst gelesen haben. ;)

Wenn man von vorneherein schon Fan von "Endzeit-Abenteuern" und fantastischen Nach(atom)kriegsgeschichten ist, nennen wir schamlos und medienübergreifend (weil mir kein besserer Vergleich einfällt) vielleicht "Fallout 3" oder "S.T.A.L.K.E.R" kann man sich voller Vorfreude und extra-intensiv die nächsten Wochen in seiner Leseecke verkriechen. Aber machen wir es uns nicht so einfach, denn selbst Leser die Themen mögen die weniger zu klaustrophobischer Endzeitstimmung, Mutationen und fantastischen Schauermärchen tendieren haben etwas großartiges und tiefsinniges zu lesen. Ich möchte fast sagem, gerade die! Denn "Metro 2033" klappert nicht einfach die Oberfläche ab, sondern (hihi, ich bin der Meister der Vergleiche :D) ist wie diese russische "Matrjoschka"-Puppe-Dings, in viele immer tiefergehenden Ebenen unterteilt. Eine Welt die das Menschsein an der Wurzel packt und viele, sehr viele Themen anschneidet die aus diesem "Epos" vielmehr ein philophisches Dauerfeuer machen - also kein wirkliches Epos, was mich persönlich noch mehr beeindruckt hat, weil ich darauf absolut nicht vorbereitet war - und in dem jeder von Artjoms neuen Wegbegleiter eine andere Lebensansicht vertretet. Tja oftmals recht radikale, überirdische, schmerzvoll "ehrliche" oder beruhigend einfache. Es ist jedenfalls kein reines Abenteuer zum mitfiebern (doch, das natürlich auch... ;), aber vielmehr bekommt man während dieses Romans so viel Futter zum Nachdenken vor die graue Masse gesetzt, das man wie Artjom selbst (den fortan jede einzelne, neue "Station" seines Lebens überrascht, um den Verstand oder oft auch fast ums Leben zu bringen) etwas mutiger, menschlicher oder gar weiser macht. In dieser neuen, dreckigen Welt ist es nämlich garnicht mehr so einfach an Wissen und Lebensqualität zu kommen, schliesslich muss sich fast alles erkämpft oder fest erarbeitet werden...

Gerade die imense Lagerfeueratmosphäre, der Zusammenhalt der Überlebenden, die liebevollen, kleinen Szenen der Freundschaft, Kriegserlebnisse von Zeiten ohne radioaktivem "Durchfall" der die Oberfläche verseucht hat, das harte "Erwachsenwerden" von Artjom (für den diese Welt und sein Schicksal oftmal immer sinnloser erscheint) stecken einem ein Gefühl zu das man nur schwer in gut und böse, hier passend "dunkel" oder "hell" beschreiben kann. Man spürt wie Glukhovsky (der übrigens auch TV- und Radio-Journalist war und "Internationale Beziehungen" studiert hat) den Geschichten seines Großvaters gelauscht haben muss und sich aus seiner eigenen Fantasie eine Zivilisation aufgebaut hat die echter und gleichzeitig fantastischer nicht sein könnte. Noch ein Punkt der das Niveau toppt ist (...und da erkennt man den düsteren "Literatur-Russen" ;), das er nur versucht einen Helden zu formen (für einige Buchkritiker dann wohl "blass", pfff...), es aber nicht schafft und es aber auch garnicht nicht möchte, schliesslich ist er kein Held. Artjom macht Fehler, sogar fatale Fehler und setzt seine Mission oft aufs Spiel - wenn auch nur durch Unwissenheit oder plötzliche "Gefühlsüberschwemmungen", die ihm vorher vielleicht garnicht so bekannt waren. Natürlich kann er oft nichts dafür, schliesslich lernt er so viele Situationen, Menschen und neue Gefahren kennen die Ihn an jeglicher Vorhersehung oder am Schicksal selbst zweifeln lassen... Was? Schicksal? Was ist überhaupt sowas wie ein Schicksal? Ist das Leben nicht "einfach" voller unzusammenhängenden Ereignisse, ohne logische Reihenfolge? Was wenn wir gar keinem höheren Ziel oder Schicksal unterstehen... wie trostlos, aber auch gleichzeitig bequem und vorhersehbar? Falls nicht, woran erkenne ich dann das Schicksal?

Aber auch gerade was uns, pardon Artjom dort oben erwartet lässt Faszination genauso wie Grauen im Leser aufschäumen. Hier strömt der abenteuerliche, lyrische Part wie frisches Quellwasser über das Unterbewusstsein, welches sich gerade noch mit tiefen Themen wie dem Sinn des Lebens, Schicksal, Glauben, Aberglauben und Wissenschaft beschäftigt hat. Wer das Kapitel "Die große Bibliothek" und "Dort, oben" nicht mit Gänsehaut verbringt kann sich entweder glücklich (um seiner guten Träume willen) oder total unglücklich schätzen so etwas nicht mit vollem Genuss lesen und miterleben zu können. Liegt wohl an bestimmten Rezeptoren :P... Mich hat es jedenfalls von einem dunklen Tunnel (der Philosophie) direkt durch viele harte, kalte Nebenwege (der Realität) gesogen und einfach nicht mehr losgelassen. Szenen in denen Behinderte von Faschisten des "vierten Reiches" hingerichtet werden, Religionen prächtig mutieren und deren Ansichten Artjom fast den Tränen nah bringen oder einfache Geschichten aus der tiefsten Seele seiner Figuren ("Kinderhandel") die an jeder anderen Station das Todesurteil bedeuten würden brennen sich hier tief ein und halten jeden Schritt mit der Realität mit - hier ist alles von Realität bis Fiktion in einem Sack, der ständig getreten oder gestreichelt wird. Aber gerade diese Mischung macht "Metro 2033" aus. Schon allein der Erzählstil wandert von einem Satz zum nächsten von lustvollen, fantasiereichen Metaphern zu grausigen, plumpen Blöcken die ein stilles, stockendes Grauen in einem Wachsen lassen. Jede Gruselszene hat mir den Blick über die Schultern versüsst, sowie jeder philosophischer Ansatz ein quälenden Gedanken aus meinem Hirn freisetzen wollte und oft hat. Glukovsky mag nichts verschönern, wenn es nichts zu verschönern gibt. Andererseits klammert sich jedes seiner liebenswerten Details erzähltechnisch so fest um oft schreckliche Wesenszüge, Eigeschaften oder gefährliche Situationen das das Erlebnis stets "warm" und einzigartig bleibt. Artjom dagegen könnte jeder von uns sein, mit all unseren Fehlern und Vorteilen. Sein Charakter nährt sich von den umgebenen Personen, er nimmt ständig Informationen auf und lernt dauernd von seinen Begleitern. Glukovsky bereitet seine Hauptfigur lebendig, wissensdurstig aber gleichzeitig neutral zu, damit jede Vorhersebarkeit zu nichte geht und wir ständig mit ihm gehen, anstatt nur mitzulesen. Es scheint das eine von grundauf überzeugte, sichere, wissensstarke Person nicht real oder zumindest menschlich und abgeschlossen ist. Und gerade die Menschlichkeit mit all ihren Macken hebt Glukhovsky besonders vor, wobei er ein ziemlich düstere und damit realistische Denkensweise vertreten muss. Vielleicht wirkt er deshalb als Geschichtserzähler so umfassend und glaubwürdig - da er sich wie Artjom nicht nur mit einer Antwort zufrieden gibt und ständig im Namen seiner Hauptfigur alles hinterfrägt?

"Metro 2033" ist ein Kraftwerk mit unheimlich viel Energie - geniessbar als ernstes, haarsträubendes und oft bedrückendes Abenteuer und zugleich auch als offener, fast schon unheimlich breitgefächerter Lebensführer. Wer hier nur von einem reinen "Science Fiction-Abenteuer" ausgeht hat sich tief geschnitten, denn in seinem Roman bereichert Glukhovsky auch alle Probleme die uns dem Menschen als Krönung der Schöpfung Probleme bereitet. Als würde man Polanskis "Der Pianist" mit "Fallout" und "Stalker" kreuzen, mal rein gefühlt ausgesprochen. Mensch, wenn Kubrick noch leben würde, sein Geist wäre fähig das alles so uneingeschränkt zu projezieren. Er hätte die Dunkelheit aber auch die Offenheit dafür sich ungehemmt an das Material zu wagen. Obacht, "Metro 2033" wirkt aber eben auch nicht ganz so episch (wie z.B. "Herr der Ringe" - wobei ein Vergleich nicht völlig unpassend wäre, wenn man Artjoms Auftrag unter die Lupe nimmt), er wirkt auch nicht sonderlich groß, sondern beklemmend, klaustrophobisch und vernichtend "menschlich" - von grässlich bis grandios. Es ist natürlich nicht so das sich Glukhovsky einfach nur über die Menschheit hermacht, wie gesagt hebt er oft jedes liebenswerte Detail der Personen und Situationen hervor die den Mensch von seiner besten Seite zeigen (so weit es ihm fähig ist). Jeder Besuch am Lagerfeuer (was den zentralen Erzählpunkt jedes Abenteuers einer neuen Station darstellt) zeigt immer wieder Menschen die so gutmütig und liebenswert sind das deren Geschichten, Sagen und Weisheiten kaum spannender und lehrreicher sein können. Aber eben auch Menschen die weniger liebenswert daherkommen. Kriegsveteranen, Faschisten, behinderte- und mutierte Menschen, Stalker, Rote sowie Priester leben hier so eng miteinander und oft so fern von Wirklichkeit und Anstand (das was wir damit verbinden) entfernt das es einem nicht nur kalt den Rücken runterläuft wenn Artjom die Oberfläche der nicht ganz völlig verlassenen Moskauer Innenstadt betritt, sondern das Süppchen gerade auch da unten (in der Finsternis der Tunnel) und damit im eigenen Geiste brodelt. Beim aktuellen Blick in die Nachrichten, während man am Buch vorbeischielt schleicht sich immer wieder der Gedanke ein: "Warum dies alles?" oder "Wohin gehts mit dem Menschen?". Gerade auf diese Frage gibt es hier eine gar nicht geizige Palette an fruchtbarem, wenn auch unheimlichen Erklärungen... nicht Antworten, denn was sind schon Antworten wenn man sie nicht verstehen möchte oder sie nicht dem Menschen zugänglich sind? Sind wir tatsächlich nur eine aussterbene Spezies die sich lieber selbst vernichtet als mit anderen Menschen zu teilen? Ist der Verstand eine viel zu leichte Beute für all jene Organisationen die einem hier unten mit Sicherheit, Nahrung aber oft auch mit einen "schrägen" Weg ins Paradies (ob im kläglichen Leben oder nach dem Tod) versprechen?

Das Licht steht ja bekanntlich für das Wissen, die Dunkelheit ist das Gegenteil - hier kann man das vorzüglich mit dem riesigen Tunnelgeflecht vergleichen, in dem die neue Zivilisation ihr Dasein bestreitet. In jeder Station ist es anderst, von den stockdunklen Gängen der Wilden bis hin zur neon-überstrahlenden Polis. Doch wie offen ist der Mensch für das Unbekannte, vielleicht auch die Erleuchtung wo er doch schon so lange in den lichtkargen Tunneln der Metro wohnt? Die Kreaturen die sich jetzt an der Sonne wärmen haben dank unserer "atomaren Kräfte" einen Teil der natürlichen Evolution übersprungen und verzerren das Bild unserer bis dato bekannten Natur. Uns bleibt (im Buch) nur noch wenig von dem einstigen Wissen über die Welt davor. Wie kann man da seine Station (ja vielleicht die ganze Metro!) retten und alle die einem geblieben sind wenn man von Anfang an seinen eigentlichen, eigenen Auftrag nicht gar nicht kennt? Gibt es da draussen überhaupt etwas das vielleicht doch die noblen Ansätze der verbleibenden Menschlichkeit (aus den tiefsten Tunnel in der sich die Menschheit verkrochen hat) herausziehen könnte?

Wenn das Ende dieser zynischen Mission erreicht ist, merkt man erst wie allein die Menschen doch sind oder einfach sein wollen und wie zerstörerisch Angst und Unwissen diese kleine blaue Kugel zerstört haben und sicherlich irgendwann werden. Sei es nun wegen unterschiedlichen Religionen, Untoleranz, Lebensansichten oder Machtspielchen oft ungebildeter, babarischer Dikataturen. Mit dem letzten Kapitel "Zum kriechen geboren" bleibt in einem ein tiefes Grauen zurück das man nicht so einfach wieder abdecken kann... und ganz egal wie positiv oder negativ man es persönlich aufnimmt. Denn hier zeigt sich wohin uns diese Angst, die Agression, das Unwissen, die unmissverständliche Abneigung gegen alles was uns neu und unbekannt ist führt. Sind es oft nicht bunt gefächerte Glaubensrichtungen in enger Verbindung mit der Angst vor dem Alleinsein im Universum?

Ein Buch wie eine düstere Odysee einer Nachkriegsatomzeit - kein Science-Fiction Epos, sondern eine dunkle Fahrt in eine ungewisse Zukunft - mit vielen Fragen nach Sinn uns Zweck des Lebens mit Deutungen die man oft garnicht erfahren möchte aber nach denen man oft schon im Stillen geschielt hat. Ich musste die "Metro 2033" nun gleich zwei mal hintereinander verputzen um jede von Artjoms Stationen - den langen, gefährlichen Weg bis zur Polis und danach nochmal in mir aufflammen zu lassen. Erstklassig und vielleicht zu Beginn etwas ungewohnt "russisch" (nennen wir es köstlich tief, schwermütig, atmosphärisch-dicht und "fantastisch-aber-bodenständig") beschreibt Glukhovsky was aus einer einst glorreichen, wenn auch nicht perfekten Zivilisation geworden ist, dessen Überlebenden sich nun unter der Erde weiterentwickeln und bekämpfen. Gerade auch wie sich eben jene, die noch relativ vernünftig geblieben sind an den Resten der bekannten, aber bröckelnden bekannten Zivilisation festhalten, während die wahnsinnigen unter ihnen (oder nennen wir sie vielleicht doch "menschlicheren"?) diese Menschheit zu unterjauchen oder gar vernichten versuchen... hier hat jede Station oder Sippe ja sein eigenes Mittelchen. Er beschreibt die Metro, ihre Menschen so kompromisslos verhasst, selbstsüchtig, falsch und überheblich aber auch freundlich, optimistisch, offen mit einer gehörigen Priese Pessimismus dem es aber niemals an Herz fehlt. Die vielen philosophischen Ansätze, Weisheiten und Denkanstösse über Ideologien, Aberglaube, Religionen, Machtentwicklung und das dreckige, dennoch irgendwie erträglich Leben unter der Erde bringen einen sehr nah an die Grenzen unseres Seins und beantworten die größte Frage des Universums: Warum? ...nicht nur mit einem verzweifelten Darum! Oder doch?

"Wer kühn und beharrlich genug ist, ein Leben lang in die Finsternis zu blicken, der wird darin als Erster einen Silberstreif erkennen." - Kahn

... ist übrigens der von Artjoms (einfach nur verrückten?) Verbündeten der von sich selbst behauptet die "letzte Reinkarnation von Djingis Khan" zu sein. Tja, aber wie unglaublich kann eine Welt sein die die Augen selbst vor allem verschliesst was sie nicht auf Anhieb versteht? Wo man Menschen durch Angst vorm Alleinsein im großen, weiten Universum manipulieren und damit lenken kann. Denn auch da unten gibt es Feinde die aus dieser Verzweiflung heraus völlig neue Religionen und Regierungen erschaffen, die jeden (uns bekannten) menschlichen Zug vergiften und wir uns immer weiter von der eigentlichen Wahrheit entfernen...

Welche Wahrheit? Eine gute Frage ;)

Review written by
Uncle Pecker

Book-Review
Kuckucksei

Review | written by Uncle Pecker | 20.11.2008

Autor: Clifford Stoll

Computer-Hacker sind eigentlich kompetente Software-Experten, die sich durch besonders kreative Problemlösungen hervortun. Die strunzdumme Masse der mediengesteuerten Konsumgesellschaft (zu der auch die Menschen gehören, die auf dieser Seite schreiben) versteht unter dem Wort allerdings durchgeknallte Freaks, die nie Sex hatten und im dunklen Kämmerlein ihre, dank Hartz IV, reichliche Zeit darauf verwenden über externe Netze in andere Computer und Netzwerke einzubrechen um in der Privatsphäre anderer zu herumzuschnüffeln oder um nur weils sie es können möglichst viel kaputt zu machen. In Clifford Stolls Tatsachenbericht/Roman „Kuckucksei“ geht es um einen realen Hacker der negativen Sorte. Das besondere daran? Es ist der Präzedenzfall des Computereinbruchs, der sogenannte KGB-Hack.

Als der studierte Astronom und Späthippie Clifford Stoll, aufgrund mangelnden Bedarfs an seiner Zunft im Lawrence Berkeley National Laboratory von Los Angels, zum Computerfachmann umgelernt wird und an das Abrechnungsprogramm für die Rechenzeit im Netz des Instituts gesetzt wird, fällt ihm eine Diskrepanz zwischen genutzter und berechneter Rechenzeit im Wert von 75 Cent auf. Da er noch nicht lange in der Branche ist und ihm daher keine möglichen Fehler im System einfallen, vermutet er zunächst etwas, wovon er schon gehört hat: einen Hacker. Nachdem er eine Fangschaltung, in Form von etlichen Druckern, direkt hinter den Modems für die eingehenden Telefonleitungen (na und? 1986 hatte man halt noch kein DSL, Ihr verwöhnten Fettärsche!) installiert, ergibt sich jedoch tatsächlich, dass er recht hat. Als er sich entschließt den Hacker zurückzuverfolgen hat er noch keine Ahnung, wie weit dessen Absichten reichen und wie schwer es sein kann die Bürokratie staatlicher Behörden zum Laufen zu kriegen.

Den bloßen Unterhaltungswert betrachtet ist das Buch meiner Meinung nach 100 Seiten zu lang (bei 452 insgesamt). Dadurch, dass es sich um einen realen Fall handelt und Stoll während der Verfolgung des Hackers sehr genau Tagebuch geführt hat, gibt es des öfteren Stellen, die Dan Brown oder Michael Crichton weggelassen hätten (vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu lesefaul). Allerdings leistet der Autor hervorragende Arbeit dabei, mit trockenstem Amihumor und starkem Hervorheben seiner verspulten Hippieart, diese Längen zu kaschieren. Auch legt er viel wert darauf den technischen Anteil seiner Arbeit soweit wie möglich zu beschreiben, was für jeden mit Schulabschluss auch ohne geringste Programmierkenntnisse kinderleicht ist. Die damaligen Tricks der Hacker werden offengelegt und so ihre Denkweise und die ihrer Gegner erklärt. Eine weitere besondere Stellung nehmen Stolls Beweggründe, dem Hacker beharrlich und allen Hindernissen trotzend nachzugehen. Als linksgerichtetem, pazifistischem, grünen Langhaar-Pulloverträger sind ihm Wirtschafts- und Militärspionage und sogar die Verletzung der Privatsphäre eher zweitrangig. Der eigentliche Grund ist, dass internationale Netze dazu da sein sollten auf Vertrauensbasis Informationen und frei erhältliche Software sorglos verschicken und einholen zu können ohne dabei Angst haben zu müssen, dass der nächste heruntergeladene Byte einem sofort die Festplatte plus Systemdateien leerfegen kann. Dieses Vertrauen wird in Stolls Augen von (Volksmunds-) Hackern zu nichte gemacht.

Obwohl es nicht um Leben und Tod geht hat man mit „Kuckucksei“ einen mordsspannenden und ebenso humorvollen Hacker-Krimi, der gleichzeitig einen lehrreichen Einblick ins Thema Computersicherheit gewährt, vorliegen. Diese Pionierarbeit in Sachen Hackerabwehr ist jedem, der mit Computern arbeiten muss wärmstens zu empfehlen. Nerds to the front!

Review written by
Uncle Pecker

Book-Review: Neuromancer
Review | written by Uncle Pecker | 19.09.2008

Autor: William Gibson

"Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist..." Schon der erste Satz aus Neuromancer umschreibt das Science Fiction Subgennre des Cyberpunk besser als so manche Definition. Dieses Buch gilt als der Urvater aller Geschichten über eine Dystopie einer gänzlich vernetzten Welt in der es um Gewinner und (weitaus öfter) Verlierer von vollkommener Durchtechnologisierung geht, meist Großkonzerne mehr zu sagen haben als Regierungen und Datenschutz für alle Beteiligten weniger Bedeutung hat als im Bundesinnenministerium.

In einer solchen Welt galt der abgehalfterte Drogendealer Case einst als Top-Hacker, der für viel Geld Daten aus Firmennetzwerken stahl, bis er beschloss einen seiner Auftraggeber zu betrügen. Als Strafe wurde ihm ein Gift injiziert, das sein Nervensystem auf eine Weise beschädigte, die es ihm permanent unmöglich machte sich mit dem Cyberspace zu verlinken – für ihn schlimmer als der Tod. Doch nach langer Zeit des Dahinvegetierens in der Gosse scheint sich ein Hoffnungsschimmer aufzutun. Ein verschlossener Ex-Soldat mit scheinbar unbegrenzten Geldmitteln verspricht ihm Heilung, wenn er sich als Gegenleistung verpflichtet, danach für ihn als Hacker zu arbeiten. Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann auch wenn abzusehen ist, dass Case bald tief in einer Sache drinsteckt, aus der er nur herauskommt, wenn er seinen Auftrag, dessen genaues Ziel er nicht kennt, zu Ende bringt. Und wer ist sein Auftraggeber und vermeintlicher Heilsbringer eigentlich wirklich?

Es ist kaum zu glauben wie Autor Gibson die zukünftige Entwicklung von Informationstechnologie und digitaler Vernetzung vorhergesehen und in eine Geschichte um virtuellen Datenklau, kybernetische Verbesserung menschlicher Körper, KIs und an sich Gesellschaftsformen der Zukunft eingebettet hat. Das einzige Mal da man bemerkt wie alt das Buch ist ist als Case 3 Megabyte „brandheißen“ Rams verhökern will, was 1984 ein utopischer Wert an Speicherplatz gewesen sein muss. Die stilbildende Schilderung von Umwelt und Charakteren, sowie die immer tieferen Verstrickungen des Helden in die unvorhersehbaren Absichten von Mammutkonzernen, Geheimdiensten und anderer finsterer Gestalten (und Programmen), zwingen den Leser fast schon auch ohne Cyberspacedeck in diese graue und lasterhafte Welt einzutauchen und nach jedem Fetzen Information zu greifen, der etwas Licht ins Dunkel der Komplexität der Systeme bringen kann. Gibson ließ sich übrigens laut eigener Bezeugung für einige Subplots und atmosphärische Details von John Carpenters „Flucht aus New York“ beeinflussen, was für ein Buch ungewöhnlich sein mag aber offensichtlich alles andere als ein Fehler war. Ganz anders dürfte es da um den für 2009 veranschlagten Film beschert sein, der nicht nur mit Regie-Legende Joseph Kahn („Hart am Limit“ !!!), nein auch noch als kleines Sahnehäubchen mit Schauspielass Hayden Christensen aufwarten soll ...

Aber ich will nicht groß abschweifen (vor allem nicht ins Negative), denn bei Neuromancer handelt es sich ganz klar um einen Klassiker des Science-Fiction, der den Grundstein für Meisterwerke wie „Matrix“ oder „Ghost in the Shell“ gelegt hat.

Review written by
Hazard

Book-Review: Phantasmagoria
Review | written by Hazard | 11.09.2008

Autor: Steve Whitton

Groooar, nun kenne ich Roberta Williams Horror-Meilenstein schon aus zwei Medien. Man nennt das aktuellere, und hier geprüfte Medium "Buch" und jenes andere (mit ähnlich trockenerem, meine anspruchsvollerem Geschmack) "interaktives Adventure". Tja... und ich kann mich immer mehr mit dem Gedanken anfreunden das dieser Horrorknüller endlich ins Kino importiert werden sollte (...oder pflegeleichter: Wie wäre es endlich mit einer HD-Variante des Spiels ohne heruntergerechneten Clips in ultimativen 1280x1024? - Jaja okay, als Film direkt on DVD reicht auch schon!). Phantasmagoria war schliesslich nicht irgend eine interaktive Märchenstunde, genauso wie Half-Life nicht einfach nur ein dummer Shooter war. Das Thema is durch und durch anfällig für nen richtigen Hit auf der Leinwand... wenn man es richtig macht! Auch wenn damals schon keiner Glauben konnte das die Schöpferin der knuddeligen King's Quest-Reihe so etwas Schauriges auf die CD-Rom gebracht hat.

Der Roman von Steve Whitton und die feine multimediale Vorlage von Roberta Williams zeigen doch breit und lang das aktuelle Grusel-Kotbrocken ausser einem gutem Cover nichts mehr packendes auf dem Kasten haben. Flair, Stil und klassicher Grusel sind Fremdworte und werden fortwährend nur noch mit scharfen Tanten, schnellen Schnitten und flachzangernen Plot aufgebrüht. Mal ehrlich, wann hat uns ein Film nach Poltergeist, The Shining oder The Grudge mal richtig bis tief ins Mark gegruselt. So ziemlich alles was aus der großen Sternchen-Schmiede kommt ist nicht mal erwähnenswert (da macht es so mancher asiatischer Filmemacher sowieso besser). Nun egal, und zum endlich zum Buch:

Die Geschichte handelt passiv (da leider verstorben - aber recht lebenig in z.B. Seancen oder lebensechten Rückblicken von Adrienne) vom etwas exzentrisch-mysteriösen Illusionist Carno, der sich damals zu den dunklen Künsten hingezogen fühlte und nach seinem Tod mehr als nur einen dunklen Nachgeschmack für die Besitzer seines Anwesens hinterlässt. Denn aktiv hat das junge Päärchen bestehend aus der Hauptfigur Adrienne Deleay und ihr Mann es doch gerade erst geschafft in ihr schaurig-schönes Gothic-Traumhaus einzuziehen, als Adrienne durch Ihre natürliche Neugier als Reporterin einen Dämon fahren und damit ein uraltes Wesen frei lässt das einfach nicht mehr so schnell zurück in die Kiste will. Adrienne hat Glück im Unglück, denn der unaufällig-faulige Hauch entfleucht und manifestiert sich leider in ihrem geliebten Mann der sich fortan immer mehr zu einem menschenverachtenden Tyrann und später reinrassigen Psychpathen verwandelt.

Den "Effekt" kennt man aus The Amytiville Horror, The Shining und des alten Buches wegen gerne aus Evil Dead, aber der Leidensweg bis zur vollständigen Verwandlung eines geliebten Menschen zu einem Psychophaten war nie nervenaufreibender. Es zeigt den anfangs relativ langsamen Verfall eines liebenswerten Menschen zu einer immer agressiveren Bestie... und das fast schon geschickt. Das Leben mit dem "Bösen", ist hier nicht einfach nur eine schnelle Verwandlung sondern es wirkt weit aus schrecklicher, realistischer wenn Adrienne merkt das sie nehr und mehr einfach nicht mehr normal mit ihrem Mann reden kann. Mehr wie eine Krankheit (Tollwut, Alzheimer) ihres Mannes, die nicht nur ihre Nerven sondern auch den Leser gehörig auf die Palme bringt. Und gerade dieser Mix aus Hilfslosigkeit, Angst und Wut bringt die junge Reporterin Adrienne immer näher an die Wahrheit, um damit ihr Leben zu retten.

Trotz der großartigen Vergleiche und erzählerisch sehr detailierten Beschreibung jeder Situation aus dem Spiel tauen zum bitteren Ende ein paar geringfügige Wiederholungen (der nicht wirklich nervenden Sorte) auf. Gerade der Wortschatz von Adrienne in schreckhaften Situationen ist nunja ein wenig begrenzt und so manche Todesszenerie wird zum Finale ein wenig zu schnell abgewickelt, was nicht weiter ins Gewicht fällt da es sich immer schneller dem Finale zuspitzt und der Leser wie Adrienne immer abgebrühter vom dauernd auf sie einwirkenden Terror wird. Steve Whitton beweist einen spannenden, einfallsreichen Erzählstil mit Feinheiten die mehr aus der multimedialen Vorlage rausholt - auch wenn alternative, unlineare Spielstränge verständlicherweise fehlen ;). Das Haus, die Umgebung und die Figuren wirken fast plastischer und fast zum Greifen nahe, was das Gefühl wieder direkt im Horror-Haus zu sein ungemein ergänzt. Dem Fan sei noch erwähnt das sich im Buchrücken noch interessante Infos und ein Interview mit Roberta Williams verstecken.

Als alter, unverbesserlicher Sierra-Fan wage ich mich wohl auch bald an "Die Maske der Ewigkeit" und "Die verrückten Abenteuer des Larry Laffer" des gleichnahmigen Autors ran. Wenn diese genauso herzhaft überzeugend "importiert" auf trashigen "Bastei-Lübbe"-Papier sind, dann kann man damit auch jeden Computerspiele-Meider überzeugen. ;)

In Anbetracht das Whitton zwei Parteien überzeugen musste, nämlich den anspruchsvollen (aber gemeinen ;) Bücherwurm und in dem Fall fast noch wichtiger, den Liebhaber der interaktiven Horroshow hat er hervorragende Arbeit geleistet. Genau so fühlt sich ein Buch zu dem Klassiker auf der Silberscheibe an... pardon den Silberscheiben.

Book-Review: Jackie Brown (Rum Punch)
Review | written by Hazard | 01.09.2008

Autor: Elmore Leonard

Amerikas exzellenter Schriftsteller Elmore "Schnappt Shorty" Leonard schrieb ja bekanntlich auch mal eine köstliches Buch namens "Rum Punch" was Tarantino damals so verzückte das er mit leichten und sinnvollen Modifikationen daraus seine "Jackie Brown" auf Zelluloid herausbrachte. Kurz vorrausgeschwärmt: Jetzt wo ich dieses kriminell-gute Büchlein kenne, bekommt Tarantinos (auf den ersten, ungeschulten Blick!) "Schlaftablette" noch mehr "Funkyness" und man lernt die eigentliche Klasse des Films erst richtig schätzen. Selbstverständlich war sie da schon vorher, aber das der Mann es schafft die Figuren so beispiellos zum Leben zu erwecken hätte ich im Traum nicht gedacht. Ein großes Lob an den "Reservoir Dog" Mr. Tarantino.

Selbst wenn ich mich erst über das Buch geschmissen und dann über Pam Grier (die selbstverständlich eine der coolsten Frauen überhaupt ist) per Film geschmissen hätte wär meine Meinung kaum anderst. Da wäre noch Robert De Niro als Knastvogel mit mittelschwerem Hang zum Rückfall (Banken tun es im einfach an), Michael Keaton als übereifriger, jugendlich-anmutender ATF-Agent (Alcohol, Tabacco, Firearms) und Samuel Jackson als quietschfideler Waffenschieber Ordell Robbie mit einigen vermeindlich treulosen Freunden für die er gerne eine Kaution nach der anderen springen lässt um sie danach umzunieten. Die Frau die am Flughafen mit einem größeren Geldbetrag und einem "ungesunden" Beutel Drogen erwischt wird und gezwungener Maßen mit den Behörden zusammenarbeiten muss führt einen durch eine bunte Gasse voller schräger Typen wie Ordell Robbie und seinen "Jackboys" (drogenabhängige Handlanger) und dessen pfiffigen Ladies die er in der ganzen Stadt verteilt ansteuert. Da Jackie nun von mehr oder weniger drei Parteien - vom neutralen Max Cherry, dem kriminellen Ordell Robbie und den gesetzestreuen Ray Nicolette - mehr oder weniger umgarnt wird oder sehr sicher umgebracht werden könnte, heckt sie eine genialen Plan aus um sich den Knast zu ersparen und dabei wohlmöglich noch Geld abzusahnen, das sie erst in ihre missliche Lage gebracht hat.

Wenn man "Jackie Brown" liest, bestätigt sich das Gefühl das Leonard nicht nur die "Pulp Fiction" und pfiffigere Sorte der Kriminalromane miterfunden hat, nein er ist die pure, geronnene "Gangster-Geschichte" überhaupt. Jede Unterhaltung über Musik, Waffen, Drogen und Auseinandersetzungen zum Thema Illegalen gab es somit schonmal, denn Leonard ist einer der Urväter der augenzwinkernden Krimiautoren die jenseits von nur ernst oder nur witzig zwischen den Zeilen schreiben... nicht rennen! Er schreibt und flucht vereinzelt wie seine Figuren, um das Gefühl für die Gesellschaft in seiner Geschichte auszuleben und das jeweilige Millieu genau unter die Lupe zu nehmen. Nicht neutral, nicht "undercover" sondern er ist wenn möglich einfach bei allem dabei - mit einem guten Drink plus Zigarette in der Hand. Wechseln sich die Gefühle der Personen, so wechselt sich auch seine Erzählstimmung. Er lässt es sich nicht nehmen durch seine Figuren abzulästern oder sich alternativ an der herzhaften Aura von Jackie aufzuwärmen und damit alles liebenswürdige an ihr neu zu entdecken. Hey, die Dame ist klasse, sie hat ein paar Probleme, aber genau das ist eine Frau. Genau das ist es was Tarantino auch mit Pam Grier geschafft hat. Und was eben schmuddelig ist, so wie Louis Gara (alias Robert de Niro im Film), garniert er schmuddelig und versucht es erst garnicht es schön zu reden. Aber er schaut jeder Figur (noch so böse) nicht von oben herab an. Wenn er Gangster und Situationen beschreibt schlachtet er es nicht spektakulär aus oder versucht sich von der moralischen Seite - und blutrünstig ist er sowieso nicht. Es herrscht immer eine Art Mitgefühl für jede verlorene oder missgeleitete Seele, den Richter will er schon garnicht spielen. Ich stelle ihn mir genau wie seine Figur Max Cherry vor, der als Kautionsagent bei einem Gangster namens "Zorro" zu abend essen und ihn dann ganz gelassen und ohne Gegenwehr zurück in die staatliche Obhut bringen kann ohne das er von dessen messerschwingenden Mutter verletzt wird (anderst wie Cherry's Partner und ein Ex-Boxchampion). Wenn geredet wird, dann seitenweise, und wenn geschossen wird dann ploppt sein Text kurz wie Popcorn hoch und das Opfer segnet oft aberwitzih das Zeitliche... so herzhaft trocken, das man damit nicht unbedingt die Stimmung verderben möchte. Vergleichbar ist der Genuss wie bei einem Film der Coen-Brüder. Knuffige Dialoge und amüsante Situationen stets mit einem Flair das einem sagt: Hey, wenns schneller gehen soll, dann zieh dir doch einen Film rein, wir haben hier unten in der Bar noch was zu bereden. Tja, und sobald man dann die Treppe hochsteigt wirds erst richtig interessant... so ist das mit den Gangstern ;)

Book-Review: First Blood
Review | written by Uncle Pecker | 29.08.2008

Autor: David Morrell

Viele Filme haben Bücher als Vorlage. Nein, damit sind nicht Drehbücher gemeint, sondern hunderte von Seiten lange teils in solide Einbände gefasste Geschichten, oft auch mit dem verwirrenden Substantiv „Roman“ versehen. Das sind dann nicht selten so ausufernde Epen wie „Herr der Ringe“, „Krieg und Frieden“ oder „Rambo“. Wie bitte was? Ja richtig gelesen, der von Stalone verkörperte, muskelbepackte und intellektuell mit Conan dem Barbaren wetteifernde Kriegsheimkehrer fing tatsächlich als Romanfigur an.

Wie wir alle wissen war der erste Film noch recht spannend und wollte was sagen. Darauf folgten zwei Trottelsequels mit möglichst großen Explosionen und kürzlich auch eine spaßige aber dennoch hohle Splatter-Homage. Der Roman enthält erwartungsgemäß den ersten Teil, allerdings dürfte jeder Filmkenner eine faustdicke Überraschung erleben. Während im Film Rambo von hinterwäldlerischen Redneck-Cops ohne wirklichen Grund in die Wildnis gejagt wird und dabei höchstens unabsichtlich mal den ein oder anderen übereifrigen Dorfpolizisten dazu bringt sich zu weit aus dem Hubschrauber zu lehnen zeigt er im Buch kaum mehr Gnade mit seinen vermeintlichen Verfolgern als mit dem Feind in Vietnam. Die Intention des Autors ist, im Gegensatz zum Film, der den Zuschauer für den Außenseiter bangen lassen will, den Vietnam-Konflikt nach Amerika zu bringen und die Frage nach dem Für und Wider von Amerikas Verwicklung darin zu Hause anstatt vor Ort zu stellen, also das genaue Gegenteil dessen, was man heute unter „Rambomethoden“ oder „Ramboverhalten“ versteht. Analog dazu ist auch Rambos Gegner, Polizeichef Teasle, kein verkappter Hinterwäldler, sondern ein durchaus ehrbarer Ordnungshüter, der in seinem Verhalten, das Rambo schließlich zur Gegenwehr veranlasst, keine Schikane sieht, sondern damit nur seine Gemeinde schützen will. Um dies weiter klar zu machen hier ein Beispiel: Im Film wird Rambo im Polizeirevier durch einen Hochdruckwasserstrahl aus Spaß an der Freud gefoltert. In der selben Szene im Buch wird er nur geduscht, weil dies den Vorschriften entspricht, was Rambo aufgrund seiner wochenlangen Gefangenschaft in einem feuchten Dreckloch irgendwo in Nordvietnam, jedoch als Folter empfindet. Genau wie sein Gegenüber ist Teasle übrigens ein Kriegsheld, wenn auch aus einem anderen Krieg (Korea), wodurch sich teils vollkommen unterschiedliche Sichtweisen der beiden Hauptpersonen ergeben, was in einem Ende gipfelt, dass genauso unvermutet ist wie die Handlung, die dazu führt.

Trotz des ähnlichen Szenarios sind die Unterschiede zwischen Buch und Film immens, was allerdings nicht der einzige Grund ist „First Blood“ zu lesen, denn es mangelt auch nicht an Action, die übrigens zu keiner Zeit aufgesetzt, sondern vielmehr durch den Verlauf der Geschichte erzwungen, wirkt. Wer von Büchern Spannung erwartet oder die Rambo-Filme liebt (oder hasst), wird mit diesem Roman alles andere als seine Zeit verschwenden.